Das Charcot-Marie-Tooth-Syndrom (CMT) ist eine genetisch bedingte Erkrankung. Veränderungen in bestimmten Genen beeinträchtigen die Funktion der peripheren Nerven und führen zu den typischen Beschwerden. Heute sind bereits mehr als hundert verschiedene Gene bekannt, die unterschiedliche Formen von CMT verursachen können.

So wird CMT vererbt
Das Charcot-Marie-Tooth-Syndrom (CMT) gehört zu den erblich bedingten Erkrankungen der peripheren Nerven. Es wird deshalb auch als Hereditäre motorisch-sensible Neuropathie (HMSN) bezeichnet.
Unsere Gene enthalten den Bauplan unseres Körpers. Sie bestimmen unter anderem, wie sich Nerven entwickeln und funktionieren. Liegt eine Veränderung (Mutation) in einem dieser Gene vor, können Nervenreize nicht mehr richtig weitergeleitet werden. Dadurch entstehen die typischen Beschwerden wie Muskelschwäche, Muskelschwund oder Gefühlsstörungen.
Heute kennt man zahlreiche verschiedene genetische Ursachen. Deshalb gibt es nicht die eine Form von CMT, sondern eine Vielzahl von Unterformen. Je nach betroffenem Gen kann CMT auf unterschiedliche Weise vererbt werden.
Autosomal-dominante Vererbung
Unter einer autosomal-dominanten Vererbung versteht man, dass bereits eine veränderte Erbanlage (Gen) ausreicht, damit die Erkrankung auftreten kann. Autosomal bedeutet, dass die Veränderung auf einem Autosom (Chromosom 1 bis 22) liegt. Ist ein Elternteil erkrankt, besteht für jedes Kind eine 50-prozentige Wahrscheinlichkeit, die Erkrankung zu vererben.

Autosomal-rezessive Vererbung
Unter einer autosomal-rezessiven Vererbung versteht man, dass eine Erkrankung nur dann auftritt, wenn auf beiden Autosomen (Chromosomen 1 bis 22) dieselbe Veränderung (Mutation) in einem bestimmten Gen vorliegt. Dabei wird jeweils eine veränderte Genkopie von der Mutter und eine vom Vater vererbt. Die Eltern selbst sind in der Regel nicht erkrankt, sondern tragen die genetische Veränderung, ohne Symptome zu entwickeln.

X-chromosomale Vererbung
Bei dieser Form liegt die krankheitsverursachende Genveränderung auf dem X-Chromosom, einem der beiden Geschlechtschromosomen. Dadurch hängt die Wahrscheinlichkeit, die Erkrankung zu erben, auch vom Geschlecht ab. Grundsätzlich wird auch bei der X-chromosomalen Vererbung zwischen dominanten und rezessiven Genveränderungen unterschieden. Ist der Vater erkrankt, gibt er das veränderte X-Chromosom an alle seine Töchter weiter. Ist die Mutter betroffen, besteht für jedes Kind – unabhängig vom Geschlecht – eine 50-prozentige Wahrscheinlichkeit, die genetische Veränderung zu erben.


Wissenswert: Kann CMT auch erstmals in einer Familie auftreten?
Ja. Obwohl das Charcot-Marie-Tooth-Syndrom meist vererbt wird, kann es in seltenen Fällen auch erstmals innerhalb einer Familie auftreten. Man spricht dann von einer Neumutation oder einem sporadischen Fall.
Dabei entsteht die krankheitsverursachende Genveränderung erstmals bei der Entstehung des Kindes und wurde nicht von den Eltern vererbt. Die betroffene Person kann diese genetische Veränderung später jedoch – abhängig von der jeweiligen Vererbungsform – an ihre eigenen Kinder weitergeben.
Individueller Verlauf
CMT verläuft sehr unterschiedlich. Selbst innerhalb einer Familie können Beschwerden und Krankheitsverlauf deutlich voneinander abweichen.
Während manche Menschen nur leichte Symptome entwickeln und lange kaum Einschränkungen bemerken, sind andere bereits in jungen Jahren stärker betroffen. Welche Beschwerden auftreten und wie schnell sie fortschreiten, hängt unter anderem von der jeweiligen genetischen Ursache ab.
Warum eine genetische Untersuchung sinnvoll ist
Eine genetische Untersuchung kann dabei helfen,
- die Diagnose zu bestätigen,
- den genauen CMT-Typ zu bestimmen,
- die Vererbungsform zu erkennen,
- eine genetische Beratung zu unterstützen und
- Betroffene für zukünftige Studien oder neue Therapieansätze einzuordnen.
Nicht bei allen Betroffenen kann die ursächliche Genveränderung bereits eindeutig nachgewiesen werden. Die genetische Forschung entwickelt sich jedoch laufend weiter und identifiziert regelmäßig neue krankheitsverursachende Gene.
Die häufigste genetische Ursache: CMT1A
Obwohl heute mehr als 100 Gene bekannt sind, die ein Charcot-Marie-Tooth-Syndrom verursachen können, geht der Großteil der Erkrankungen auf eine Veränderung des PMP22-Gens auf Chromosom 17 zurück.
Bei der häufigsten Form, CMT1A, liegt eine Verdoppelung (Duplikation) eines Abschnitts auf Chromosom 17 vor. Dadurch wird das PMP22-Gen in erhöhter Menge gebildet. Das Eiweiß spielt eine wichtige Rolle beim Aufbau der schützenden Nervenhülle (Myelinscheide). Ist zu viel davon vorhanden, wird die Myelinscheide fehlerhaft aufgebaut und die Nerven leiten Signale langsamer weiter.
CMT1A macht etwa 60 bis 70 Prozent aller CMT-Erkrankungen aus und kann in der Regel durch eine genetische Untersuchung aus einer Blutprobe nachgewiesen werden.
Verwandte Erkrankung: HNPP
Nicht immer liegt eine Verdoppelung des PMP22-Gens vor. Fehlt stattdessen eine Kopie dieses Gens (Deletion), entsteht eine andere erblich bedingte Erkrankung der peripheren Nerven: die Hereditäre Neuropathie mit Neigung zu Drucklähmungen (HNPP).
HNPP ist keine Form des Charcot-Marie-Tooth-Syndroms, gehört jedoch zu den erblichen Erkrankungen der peripheren Nerven und ist genetisch eng mit CMT verwandt.
Von der klinischen Diagnose zur Genetik
Lange Zeit konnte CMT ausschließlich anhand der Beschwerden sowie neurologischer Untersuchungen wie der Messung der Nervenleitgeschwindigkeit oder Gewebeuntersuchungen eingeordnet werden.
Seit den 1980er-Jahren ermöglicht die genetische Diagnostik, die verschiedenen Formen des Charcot-Marie-Tooth-Syndroms ihren genetischen Ursachen zuzuordnen. Dadurch konnten bereits zahlreiche krankheitsverursachende Gene identifiziert werden.
Dieses Wissen trägt wesentlich dazu bei, die Erkrankung besser zu verstehen und bildet die Grundlage für die Entwicklung neuer, gezielter Therapieansätze.
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